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Störungen sind das Gesetz des Dschungels

Tradition sei kein Geschäftsmodell, meinte der amerikanische Journalist Jeff Jarvis schon 2011. Zehn Jahre später hat sich seine Prophezeiung erfüllt. Getrieben durch die aktuelle Pandemie geraten bewährte Geschäfte ins Wanken. Wer sein Heil aber in wahllos digitalisierten Prozessen sucht, wird kaum eine Lösung finden. Denn die tief greifenden Umwälzungen haben mehr mit menschlichen Urinstinkten als mit Bits und Bytes zu tun.
Veröffentlicht am 29.01.2021 von Südostschweizjobs.ch
Niemand kann den Dschungel oder den Markt alleine kontrollieren: Kooperationen und eigene Ökosysteme werden immer wichtiger.
Tradition sei kein Geschäftsmodell, meinte der amerikanische Journalist Jeff Jarvis schon 2011. Zehn Jahre später hat sich seine Prophezeiung erfüllt. Getrieben durch die aktuelle Pandemie geraten bewährte Geschäfte ins Wanken. Wer sein Heil aber in wahllos digitalisierten Prozessen sucht, wird kaum eine Lösung finden. Denn die tief greifenden Umwälzungen haben mehr mit menschlichen Urinstinkten als mit Bits und Bytes zu tun.

von Fabio Aresu, Markeningenieur, Spezialist für Digital Business Engineering, Employer Branding und Organisator des Jungunternehmerforums Graubünden

Was früher in der Geschäftswelt galt, wird gerade komplett auf den Kopf gestellt. Abläufe, die Jahre oder Jahrzehnte funktioniert haben, werden auf die Probe gestellt, stabile Einnahmen brechen innert kürzester Zeit weg. Die Hoffnung, dass alles in gleicher Form zurückkehren wird, dürfte sich nicht erfüllen. Die Digitalisierung hat innert kürzester Zeit riesige Fortschritte gemacht. Jeder reglementiert-repetitive Prozess, der digitalisiert werden kann, wird es auch – entweder nehmen das die Unternehmen an oder sie werden früher oder später verschwinden. Dabei geht aber oftmals vergessen, dass die neuen Möglichkeiten nur Werkzeuge sind, die teils (radikale) Abkürzungen bieten. Nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Auf dem Markt zählt nur der Wert

Jedes Angebot, das auf dem Markt bestehen soll, hat eine zentrale Funktion: Es löst für die Kundschaft ein konkretes Problem oder befriedigt ein bestimmtes Bedürfnis. That’s it. In einer Welt des Überflusses und der permanenten Verfügbarkeit muss genau dieser Aspekt im Fokus stehen. Und da praktisch für alles mehrere Alternativen bereitstehen, muss der inhaltliche Wert des Angebots den Käuferinnen und Käufern passen. Auch wenn es hart klingt: Niemand interessiert sich für die Probleme der Unternehmen. Nur der erkennbare (Mehr-)Wert der Angebote zählt.

Die neuen Regeln sind gar nicht so neu

Der Mensch nimmt alles an, was sein Leben schneller, einfacher und bequemer macht. Dies hat mit der Herkunft des Menschen vor mehreren Zehntausend Jahren zu tun, als jeder kleine persönliche Vorteil über Tod oder Leben entscheiden konnte. Diese «Spielregeln» sind tief im menschlichen Wesen verankert und bestimmen das Verhalten bis heute. Die neuen Regeln sind somit uralte Regeln. Für Unternehmerinnen und Unternehmer heisst das: Wenn ein Mitbewerber ein Angebot günstiger, schneller, besser anbieten kann, wird er es tun. Jede Firma muss die eigenen Schwachstellen finden, bevor es jemand anders tut. Gleichzeitig geht es darum, Schwachstellen in den Angeboten der anderen zu suchen, um das eigene, bessere Angebot zu platzieren.

Der Mensch ist seit Urzeiten disruptiv

Störungen sind das Gesetz des Dschungels – und der Wirtschaft. Dies mag auf den ersten Blick beunruhigend klingen, aber eigentlich ist das eine gute Botschaft – es gibt sehr wenige andere Lebewesen, die sich per Definition so schnell auf neue Anpassungen einstellen können wie der Mensch. In der gesamten Geschichte der Menschheit hat es immer wieder grundlegende Umwälzungen gegeben. Dies ist die Regel, nicht die Ausnahme. 
Statt sich darüber aufzuregen, müssen Menschen der Tatsache ins Auge sehen und erkennen, dass es nicht die «Digitalisierung» ist, die in nie gesehener Geschwindigkeit neue Realitäten schafft. Es ist die Gesellschaft, die diese Angebote ohne Verzögerungen annimmt und «Altes» plötzlich links liegen lässt. Es ist eine Binsenwahrheit: Die Menschen sind der Markt und steuern ihn – nicht umgekehrt. Dies heisst aber auch, dass eine Demokratisierung der Angebote möglich ist. Nicht die Grössten werden gewinnen, sondern die Schnellsten und die Mutigsten. Die neuen Werkzeuge sind nur das, was sie sind: neue Werkzeuge. 
Die Chance für heimische KMU liegt in regionalen und überregionalen Märkten: Auch «Kleine» können je länger je mehr mit den gleichen Möglichkeiten wie die Marktleader arbeiten, sie kennen aber die Kunden viel besser und können somit auch spezifischere Angebote gestalten. KMU sind keine anonymen und globalisierten Konzerne, sondern bewährte Anbieter um die Ecke, die auch persönlich zur Verfügung stehen; einfach mit neuen Hilfsmitteln. 
Eine weitere Analogie zur Frühgeschichte: Das grösste Wachstums- und Leistungspotenzial liegt in Kooperationen, Netzwerken und Ökosystemen – Kooperation statt Konfrontation. Man kann den Markt und den Dschungel nicht alleine kontrollieren. 

Bild: zVg