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Das eigene Lebensprojekt steuern

Wer steuert im Betrieb das Geschehen? Die Chefin oder der CEO? Aber hier soll nicht davon, sondern von der inneren Steuerung die Rede sein. Genauso wie es im Unternehmen nicht nur eine offizielle Führung gibt, sondern auch die berühmt-berüchtigten «grauen Eminenzen», gibt es innerpsychische «Player», die sich querstellen können, bis man mit ihnen ein gutes Einvernehmen findet.
Veröffentlicht am 23.09.2021 von Südostschweizjobs.ch
Das eigene Lebensprojekt steuern
Wer steuert im Betrieb das Geschehen? Die Chefin oder der CEO? Aber hier soll nicht davon, sondern von der inneren Steuerung die Rede sein. Genauso wie es im Unternehmen nicht nur eine offizielle Führung gibt, sondern auch die berühmt-berüchtigten «grauen Eminenzen», gibt es innerpsychische «Player», die sich querstellen können, bis man mit ihnen ein gutes Einvernehmen findet.

von Sina Bardill, Psychologin FSP und Supervisorin/Coach BSO

Es gibt im Arbeitsleben immer wieder Situationen, die spannungsvoll oder gar konflikthaft verlaufen, allenfalls sogar eskalieren. Oder das Gegenteil: kalte Konflikte, Dauerfrust unter einer vermeintlich harmonischen Oberfläche. Was läuft da ab? 
Selbstverständlich gibt es unzählige Gründe für innerbetriebliche Reibungen, insbesondere auch auf struktureller und organisationaler Ebene. Öfter als man denkt, sind bei den Beteiligten auch psychologische Mechanismen mit am Werk, die Sand im Getriebe sind, Unwohlsein und Stress verursachen, Verständigung und Leistungen beeinträchtigen und Projekte zum Scheitern bringen. 

Psychologische Perspektive

Alle Menschen tragen aus ihrer Geschichte mehr oder weniger schweres Material mit sich. Der Volksmund sagt: Jede und jeder trägt sein Rucksäckli. In diesen Rucksäcken sind schwierige Erfahrungen, geschluckte Gefühle, unterdrückte Ängste, Überforderungen und einiges mehr gespeichert und tief unten verstaut. Denn diese Erfahrungen möchte niemand wiederholen. Das Paradoxe aber ist, dass genau dieses tief Verstaute in aktuellen zwischenmenschlichen Beziehungen eine Eigendynamik entwickelt. Dabei wird das Erleben in die Vergangenheit katapultiert, weil es irgend eine Parallele zwischen dem Jetzt und dem Damals gibt. Zum Beispiel so: Ich sage etwas mir Wichtiges in einer Teamsitzung. Jemand reagiert mit hoch gezogener Augenbraue. Ich merke nur, dass ich irritiert bin und mich nicht mehr auf die Sache konzentrieren kann. Was ich nicht merke: Ich fühle mich wie damals in der Schule, als ich etwas (scheinbar) Falsches gesagt hatte – vielleicht nicht ernst genommen, vielleicht blossgestellt, vielleicht auch ausgegrenzt. Angesichts der hochgezogenen Augenbraue im Jetzt ist diese innere Reaktion vielleicht «übertrieben». Sie hat aber eine psychologische Logik und hängt mit den gemachten schwierigen Erfahrungen im Damals zusammen. Werden solche Gefühle aktiviert, kann eine Person nicht mehr aus ihrer ganzen Kompetenz heraus reagieren und handeln. Sie ist «im falschen Film», nämlich in der eigenen Vergangenheit. Und genau in diesen Situationen misslingt oft ein konstruktives Gestalten der Kommunikation. Ob Rückzug oder Angriff – es entwickelt sich misslich. 

Der Blick in den eigenen Rucksack

Wenn sich solche Situationen häufen, immer wieder ähnliche Dinge in ähnlicher Weise schieflaufen, wiederholt Beziehungen zu Kolleginnen und Kollegen oder zu Vorgesetzten auf ähnliche Art schwierig werden – oder sogar eskalieren–, lohnt sich der Blick in den eigenen Rucksack. Welche Geschichten wiegen so schwer, dass sie sich immer wieder in die Gegenwart drängen? Wie kann man eigene Verletzlichkeiten verstehen und akzeptieren? Wie gelingt es, aus destruktiven Mustern auszusteigen und sich andere Verhaltensweisen anzueignen? Manchmal reicht es, sich bewusst mit prägenden Situationen aus dem eigenen Leben zu beschäftigen, vielleicht darüber zu reflektieren, Dinge aufzuschreiben oder auch darüber zu reden. Manchmal braucht es auch eine eigentliche Integrationsarbeit, um diesen Geschichten in der eigenen Biografie den angemessenen Platz zu geben, Akzeptanz und Versöhnung zu finden. 

«Graue Eminenzen» integrieren

Das allerdings braucht Mut und Ausdauer. Und es hilft, sich dafür eine Begleitung zu suchen. Der Lohn ist gross: Die «inneren grauen Eminenzen» handeln immer seltener auf eigene Faust, sondern lassen sich integrieren. Dies hilft am Arbeitsplatz, in einer Führungsaufgabe ganz besonders, aber auch im privaten Umfeld und in der Liebesbeziehung. Dann sitzt das reife «Ich» am Lenkrad und steuert das eigene Lebensunternehmen. 

Bild: Kerstin Riemer / Pixabay