Digitales Lernen: Gekommen, um zu bleiben?

Im März 2020 mussten viele Weiterbildungsinstitutionen über Nacht in den Fernunterricht wechseln. Anwendungen wie Zoom oder MS Teams wurden zum Synonym des digitalen Lernraumes. Was bis dato vielleicht ein Randthema war, stand plötzlich unangefochten auf Platz eins in der internen To-do-Liste
Veröffentlicht am 30.08.2021 von Südostschweizjobs.ch
Herausforderung Digitales Lernen: sowohl für Studierende wie für Dozierende.
Im März 2020 mussten viele Weiterbildungsinstitutionen über Nacht in den Fernunterricht wechseln. Anwendungen wie Zoom oder MS Teams wurden zum Synonym des digitalen Lernraumes. Was bis dato vielleicht ein Randthema war, stand plötzlich unangefochten auf Platz eins in der internen To-do-Liste

von Marco Riedi, Fachvorsteher der HR- und Sozialversicherungslehrgänge sowie Dozent an der IBW Höhere Fachschule Südostschweiz, Chur

Nach anfänglicher Überforderung bei der Umstellung auf Fernunterricht wurden nach und nach signifikante Unterschiede zum gewohnten Präsenzunterricht sichtbar. Für die Dozierenden war es enorm anspruchsvoll, den Lernstand der Teilnehmenden zu heben. Ein Umhergehen in der Klasse oder ein Beobachten der Teilnehmenden beim Lösen von Aufgabenstellungen fand lediglich sehr rudimentär auf ungewohnte, virtuelle Art statt. Informelle Pausengespräche, in denen über individuelle Herausforderungen diskutiert wurde, waren nahezu inexistent.
Für Lernende mag es sehr komfortabel sein, zu Hause in gewohnter Umgebung dem Unterricht zu folgen und so zumindest den Anfahrtsweg zur Bildungsinstitution zu sparen. Wer jedoch nach mehreren Stunden im Homeoffice noch für einige Lektionen am Laptop sitzt, um dem Unterricht zu folgen, dessen Energiepegel nimmt rapide ab.

Die richtige Lern- und Lehrform finden

Die Bildungsinstitutionen bleiben stark gefordert, ihre Dozierenden beim Erwerb digitaler Kompetenzen eng zu begleiten. Der Grossteil der fachlich versierten Dozierenden führt diese Tätigkeit im Nebenamt und mit grosser Leidenschaft aus. Würden sie sich allein überlassen, wäre das ein grosses Risiko, und es besteht die Gefahr, dass die Bildungsqualität sehr rasch abnehmen könnte. 
Denn unweigerlich stellt sich die Frage nach dem Mehrwert der Digitalisierung im Unterricht und nicht nach dem Mehrwert des gewohnten Präsenzunterrichts als beiläufige Ergänzung zu den digitalen Lernsettings und -räumen. Digitales und Analoges lassen sich schlecht trennen. Lernen ist und bleibt ein analoger Prozess. Die Frage, welche digitale Lehr- und Lernform denn nun genau passend für diesen Lernprozess ist, kann kaum beantwortet werden. Zudem ist das Digitale immer noch mit dem Stigma behaftet, anfällig auf technische Probleme zu sein: Funktioniert das vorgesehene, innovative Lerntool reibungslos? Reicht die Infrastruktur der einzelnen Teilnehmenden für ein solches digitales Setting aus? Wie sollte sich die Bildungsinstitution langfristig organisieren und orientieren, damit die angepriesenen Angebote wie vorgesehen und vor allem wie versprochen durchgeführt werden können?
Digitales Lernen ist gekommen, um zu bleiben. Was in der Arbeitswelt dermassen rasant voranschreitet, macht sicher nicht vor dem Bildungssektor halt. Was der künftige Königsweg ist, kann nicht pauschal beantwortet werden. Ein möglicher Ansatz kann das Modell des Blended Learning sein, wo Präsenzunterricht mit Onlineanteilen kombiniert und angereichert wird. Jedoch bedarf es vor der Überführung ganzer Lehrgänge in dieses Modell einer gründlichen Analyse: Welche Bedürfnisse haben die Teilnehmenden wirklich? Was ist technisch und organisatorisch durchführbar? Wo haben vor allem die Dozierenden Lernbedarf, um guten, zielorientierten und praxisrelevanten Unterricht qualitativ hochwertig gestalten zu können? 

Der Mensch im Mittelpunkt

Eines wird in der Weiterbildungsbranche aber bestehen bleiben: der Mensch, der in seiner Rolle als Lernender eine Weiterbildung absolviert und einen anerkannten Abschluss erlangt, um auf seinem Karriereweg die geplanten Schritte nach vorne gehen und seine konkreten Ziele erreichen zu können – Digitalisierung hin oder her.

 

Bild: zVg IBW