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Um gesehen zu werden, muss man sich zeigen!

Introvertierte Menschen sind keine guten Selbstdarsteller. Dabei verfügen sie oftmals über Fähigkeiten und Kompetenzen, die für den beruflichen Erfolg wichtig sind. Wenn sie sich ihres Potenzials bewusst werden und dies im Team auch einbringen, verbessern sie ihre Chancen und erhöhen die eigene Zufriedenheit.
Veröffentlicht am 27.08.2020 von Südostschweizjobs.ch
Viele grosse Stärken von Introvertierten werden wenig gesehen
Introvertierte Menschen sind keine guten Selbstdarsteller. Dabei verfügen sie oftmals über Fähigkeiten und Kompetenzen, die für den beruflichen Erfolg wichtig sind. Wenn sie sich ihres Potenzials bewusst werden und dies im Team auch einbringen, verbessern sie ihre Chancen und erhöhen die eigene Zufriedenheit.

von Sina Bardill, Psychologin FSP und Supervisorin/Coach BSO. Sie arbeitet als Beraterin für stimmige Arbeits- und Lebensverhältnisse. 

Wer hat letzte Woche, als alles drunter und drüber ging, die Ruhe bewahrt und kluge Entscheidungen getroffen? Wer hatte immer ein offenes Ohr, wenn jemand im Team Unterstützung brauchte, und hat so mitgeholfen, eine stabile und konstruktive Atmosphäre zu schaffen? Und von wem kam die tolle Idee für die Lösung eines betrieblichen Problems? 

(K)eine Selbstverständlichkeit? 

Es gibt viele verschiedene Beiträge in einer beruflichen Tätigkeit, die zum Erfolg führen. Längst nicht alle werden gleich wahrgenommen. Das liegt einerseits daran, dass gewisse Beiträge deutlicher sichtbar sind: ein erfolgreicher Vertragsabschluss etwa oder bestimmte Verkaufszahlen. Was es dazu alles im Vorfeld und im Hintergrund gebraucht hat, geht gern vergessen. 
Zum anderen liegt es aber auch an den Persönlichkeiten, die zum guten Ergebnis oder zur Problemlösung beigetragen haben. Den einen fällt es leicht, auf ihren Beitrag hinzuweisen und vielleicht sogar das Resultat auf ihr Konto zu buchen. Sie reden ohne Hürde und gewandt über sich selbst und ihre Leistungen. Das sind typischerweise extravertierte Menschen. Für introvertierte Menschen hingegen ist dies alles andere als eine Selbstverständlichkeit. 

Introvertierte werden unterschätzt

Introvertierte sind mit ihrer psychischen Energie nach innen gewandt. Sie überlegen lang und gründlich, bevor sie sich äussern. Und sie sind oft sehr selbstkritisch und fokussieren sich mehr auf das, womit sie nicht zufrieden sind, als auf das, was sie können und beitragen. Introvertierte stehen nicht gern im Rampenlicht und überlassen die Bühne ganz gern den gewandten Rednern und Selbstdarstellern. Leider führt dies nicht selten zu Fehleinschätzungen. Denn viele der grossen Stärken von Introvertierten werden wenig gesehen. Dazu gehört beispielsweise die Zuverlässigkeit, ein grosses Mass an Konzentration und Durchhaltevermögen, Sorgfalt und Ausgeglichenheit. Introvertierte sind oft gute Zuhörer, die auch feine Zwischentöne wahrnehmen und damit gelingende Kommunikation unterstützen.
Auch Introvertierte selbst tragen oft dazu bei, unterschätzt zu werden. Sie nehmen ihr eigenes Potenzial nicht gut wahr, verbeissen sich in den vermeintlichen Schwächen und hadern mit ihrer stillen Art und der mangelnden Anerkennung. 

Eigene Leistungen besser wahrnehmen

Die Realität zeigt, dass es häufig nicht reicht, gute Arbeit zu leisten, sondern dass man dies auch deutlich kommunizieren muss. Deshalb gilt es, als ersten Schritt sich selbst in seinen Fähigkeiten zu sehen und zu würdigen. Dazu trägt möglicherweise die Lektüre eines guten Fachbuches über Introversion bei (z. B. Susan Cain: «Still»): Es führt zu vielen Aha-Erlebnissen und rückt dieses Persönlichkeitsmerkmal ins richtige Licht. Nur schon die Erkenntnis, mit seiner stillen Art zu rund einem Drittel der Menschen zu gehören überrascht und entlastet. Das Selbstverständnis verbessert sich. 
Die gewonnenen Erkenntnisse führen zum zweiten Schritt, nämlich selbstbewusst für sich und seine Beiträge einzustehen. Es macht Freude, sein Licht unter dem Scheffel hervorzuholen! Damit entsteht eine günstige Dynamik: Positive Rückmeldungen stärken wiederum das Selbstbewusstsein. Sich zu zeigen, trägt dazu bei, mit seinem Potenzial am richtigen Ort zu landen – nicht nur in einem Stellenbesetzungsverfahren, sondern auch danach – z. B. im Rahmen von Mitarbeitergesprächen sowie in der alltäglichen Zusammenarbeit.

Bild: StockSnap/Pixaby